Der Weg

Zitate von humanistisch denkenden und handelnden Persönlichkeiten wie Carl Rogers, Marshall Rosenberg, Thomas Gordon, Gerald Hüther, Jesper Juul usw. regen uns an, über den Alltag nachzudenken. Vielleicht regen die Zitate dich als Leserin oder als Leser an, die eigene Arbeit in Beratung und Erziehung / Bildung zu reflektieren.



Lehrerin Christine und Ingenieur Jonathan

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Ernst nehmen und abholen als Baustein zu nachhaltigem Lernen.

«Sorry – das habe ich nicht so gemeint.» «Sei nicht so sensibel. Das wollte ich damit nicht sagen.» «Sie müssen nicht alles so ernst nehmen. Ich wollte nur schauen, wie sie reagieren.»

Mit einem riesigen Grinsen im Gesicht erzählen mir die Schüler die Gründe ihres ‘Zuspätkommens’. Ausreden und kleine Mogeleien sollen die wahren Gründe überspielen. Und wenn ich die Erzählungen der Eltern oder meiner Schülerinnen und Schüler wirklich ernst nehme, nachfrage, wenn ich wirklich Anteil nehmen will? - - Dann verändert sich die Beziehung schlagartig und das Lernklima bekommt eine neue Richtung. Oft schauen mich Eltern oder Kolleginnen kritisch an. Vielleicht prüfen sie, ob ich meine Rückfragen ernst meine. Meistens wächst daraus eine ruhige und vertrauensvolle Lern- oder Gesprächskultur, die mehr Tiefe, mehr Ehrlichkeit und vor allem immer mehr Vertrauen aufbaut.


Ehemaliger Schüler Drilon und ehemalige Schülerin Nicole

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Lehrerin Claudia und Lehrerin Christine

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Hilfreiches Begleiten für nachhaltiges Lernen

Eine andere Person verstehen nährt auch meine Seele. Daher lohnt es sich für mich, sein Gegenüber zu verstehen.

Ich musste viele Jahre täglich üben, jede Schülerin und jeden Schüler so anzunehmen, wie sie oder er ist. Mein Bewertungsdrang wurde zu lange täglich eingeübt. Erst dann sind mir die ersten Schritte gelungen, die Lernenden ehrlich zu begleiten. Keine Vorschläge, keine Korrekturen, keine Bewertungen – nicht einfach. Weil in meinem Hinterkopf das Belehren immer noch mitschwingt, bin ich als Begleiter besonders gefordert.

Und wenn die Schülerin dasitzt mich keck und provozierend anschaut: «Heute habe ich gar keine Lust etwas zu machen.» Eine mögliche Antwort: «Das ist gar nicht dein ‘Lerntag’ heute. Vielleicht ist das Dasitzen und nichts tun auch nicht so einfach.»


Ehemaliger Schüler Leo und ehemalige Schülerin Nicole

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Neugierde anregen

Vor meinem inneren Auge sehe ich unseren eineinhalb Jahre alten Enkel, der in der Wohnung herumwatschelt. Alles wird angeschaut, in die Hände genommen, nach beweglichen Teilen gesucht und wenn sich etwas bewegen lässt wird es x-mal wiederholt. Dabei zeigt er grosse Freude, wenn etwas gelingt, wenn etwas als angenehm erfahren wird. «Ach kann er ‘gigelen’ und sich freuen».

Und wenn sie dann drei vier Jahre alt sind: «Warum?» «Warum?» Diese Frage wiederholen sie oft laufend. Ich bin diesen kleinen Kindern neidisch, weil sie noch so neugierig sind, alles wissen wollen und alles ausprobieren müssen. Dann stellt sich bei mir die Frage: «Unterdrücken wir diese Neugierde in der Schule?»

Versuchen wir aus allen vorgegebenen Inhalten Angebote an unsere Schüler zu machen? Wenn Angebote, die möglichst alle Sinne ansprechen und die auch mit Bewegung angepackt werden können bereitstehen, kann die Neugierde der Jugendlichen wieder aufblühen. Für den Einstieg in ein Thema helfen auch irritierende Fragen, verblüffende Darstellungen, Bilder oder Videos. Unser Hirn will, wenn immer möglich, seine Ruhe haben. Darum beginnt es bei Unsicherheit und Irritationen mit der Aufräum- und Ordnungsarbeit.

Das Schönste dabei, die Lernfreude wächst und damit das selbständige und eigenverantwortliche Arbeiten.



Wer das Lernen zu lenken versucht

Wenn uns die Neurologen aufzeigen, wie Konzentration, Meditation, Freude, Angst, Sorge usw. unser Gehirn verändert, und wenn sie uns beweisen, dass wir lernen so lange wir leben und dass unser Gehirn ein hoch plastisches und beeinflussbares Organ ist – dann meine ich, lohnt sich das Lernen ins Zentrum der Arbeit im Schulzimmer zu stellen.

Dazu kommen alle Ergebnisse, wie viel schneller und nachhaltiger unser Gehirn aufnehmen und verarbeiten kann, wenn das Lernen mit positiven Emotionen verbunden ist.

Dann wird es höchste Zeit, in der Schule die Freude, die Lust und die Neugierde der Schüler und Schülerinnen zu wecken und zu fördern.

«Tönt schön – aber wie?» höre ich die Kritiker.

Hier zeigt uns G. Hüther die wesentlichen Anregungen: einladen, ermutigen und inspirieren. Ohne Druck und ohne Erwartung.



Beziehung und Begleitung

Mir scheint, mit den neuen Lernformen wie Werkstätten, Lernateliers, Lernlandschaften, dialogisches Lernen, kooperatives Lernen taucht der Begriff Begleiter oder Begleiterin schnell auf.

Raffinierte Lernprogramme auf dem Compi laufend überprüfen. Dann die nächsten Schritte berechnen. Sie geben vor, was zu tun ist und sofort kommen die ‘smilies’ und die ‘gumpies’ und die ‘klatschies’ oder eben die fragenden, traurigen und frustrierenden Emojis.

Meine Erfahrungen dazu sind eher ernüchternd.

Am Anfang ist das alles lustig, amüsant und stimulierend. Leider klingen diese Freuden bald ab und was noch frustrierender für mich als Lehrer ist: Rückfragen oder Tests, die nicht auf das Programm abgestimmt sind, zeigen mir, dass vieles eingetrichtert aber nie und nimmer verstanden wurde. Etwas wirklich verstanden habe ich, wenn ich das eingeprägte Wissen neu strukturieren kann, wenn ich daraus eigene neue Konzepte, Fragen oder Modelle entwickeln kann.

Begleiten meint aus meiner Sicht: ich nehme Anteil an dem, was die/der Schüler*in macht. Ich frage nach und fühle mich in die Situation ein. Ich versuche zu verstehen, wie sie oder er denkt und möchte seine Form zu lernen kennenlernen. Ich teile meine Beobachtungen ohne Bewertungen und Erwartungen mit und bleibe menschlich im Kontakt mit jedem und jeder.

Diese Form von Begleitung erlebe ich als höchst anspruchsvoll, weil ich immer wieder in die Lehrerfalle tappe und meine Hoffnungen und Erwartungen durchschimmern.
Daran arbeiten lohnt sich.


Lehrer sind auch Menschen

«Lehrer, die sich Tag für Tag bemühen, ihr wahres Selbst zu verbergen, stumpfen ab und brennen schliesslich aus.» (C.R. Rogers: Lernen in Freiheit)

Sich hinter dem Stoff, hinter den Regeln und Verordnungen verstecken, ist streng und aufreibend. Einträge im Lehreroffice, Strafen und Strichlisten führen sind letztlich demütigend und frustrierend.

Und heute wissen wir Lehrpersonen: immer schön freundlich, sich zusammennehmen und niemanden beschimpfen oder bestrafen, dann überlebe ich.

Auseinandersetzungen mit Eltern und harte Diskussionen mit den Jugendlichen über Noten, über Massnahmen und Ungerechtigkeiten lassen uns Lehrpersonen ins Burnout laufen.

Ob ich will oder nicht – die Schüler*innen spüren genau wie es mir geht, was mich beschäftigt, ob ich unsicher, verängstig oder gar verdrossen bin. Spiele ich ein Rolle und trage ich den ganzen Tag eine Maske, nutzen das die Schüler*innen schamlos aus.

Wenn mein wahres Selbst unter dem Deckel bleiben muss, weil ich mein Gesicht nicht zeigen darf, dann sind die Jahre und Monate der Ausübung dieses wunderbaren Berufs gezählt.


Lernen ist Erfahrung, alles andere ist Information.

Ausgerechnet ein berühmter Physiker, der als Genie gilt und dessen Theorien das Verständnis von unserem atomaren Aufbau erklären kann, stellt die Erfahrung ins Zentrum des Lernens.

Er ist nicht der einzige. «Erfahrung ist die höchste Autorität,» hat auch C. Rogers geschrieben.

Und immer mehr beobachten und erfahren wir Lehrpersonen, was uns fehlt. Wenn wir im Homeoffice am Bildschirm arbeiten, wenn wir uns hauptsächlich über Wellen via Bildschirme unterhalten und austauschen, fehlt nicht nur der Geruch, der körperliche Kontakt, die Berührung und die Umgebung – es fehlt die ganze Ausstrahlung, welche unsere Körper als wichtige Informationen über dieses «Zwischen» aufnehmen können.

Zur ganzheitlichen Erfahrung gehören neben dem Aufnehmen über alle Sinne auch die Gefühlswelten und die Stimmungen, die manchmal vom Sender selbst gar nicht bewusst gesendet werden.

Die Gesamtheit von Eindrücken machen die Atmosphäre und die Erfahrung aus. Sie bestimmt im Wesentlichen den Verlauf der Begegnungen.



Lernförderung meint...

Bei Schulbesuchen erlebe ich oft, wie die Studierenden einzelnen Schüler*innen helfen und sie beraten.
Zur gleichen Zeit unterhalten sich die anderen Schüler*innen über ihre Freizeit, schauen Youtube-Filme oder schicken sich SMS.

Zuerst Kontakt mit jeder und jedem Jugendlichen bevor die Stunde beginnt. Auch die Klasse will dann als Gemeinschaft begrüsst werden und in Kontakt zu mir als Lehrperson kommen.

Beide Ebenen, der persönliche Kontakt und die ganze Klasse als Gemeinschaft im Auge behalten fordert hohe Präsenz und kostet enorm Energie.

Für das nachhaltige und engagierte Lernen lohnt sich diese Präsenz.

Wenn ich einer Schülerin meine Aufmerksamkeit schenke, habe ich gleichzeitig die ganze Klasse, das Lernklima im Auge. Bereits nach zwei drei klaren Rückmeldungen über das was läuft, beruhigt sich die Situation.

Die Schüler*innen spüren zuverlässig: «Er merkt, sieht und hört einfach alles.» So bleibe ich während der ganzen Lektion im Kontakt mit den Einzelnen und mit der Klasse.


Nachhaltiges Lernen nur – wenn?

Voraussetzung für ein aktives und neugieriges Lernen sind der Kontakt zu jedem Einzelnen und zur Klasse. (C.R. Rogers)

Lernen gelingt, wenn wir ein vertrauensvolles, entspanntes Klima schaffen, in dem ohne Bewertung und ohne Druck gearbeitet wird.

Oft verhindern die Erwartungen der Eltern, der Lehrmeister, die Rahmenbedingungen und nicht zuletzt die eigenen Erwartungen ein ruhiges konzentriertes Lernen.

«Ich muss doch, weil…» «Alle wollen für mich das Beste, darum…» «Einen guten Job bekomme ich nur, wenn ich ein tolles Zeugnis vorweisen kann. Darum muss ich…»

«Erst wenn ich mich nicht mehr in der Rolle als Lehrender fühle und benehme, beginnen die Schülerinnen und Schüler aus eigenem Antrieb zu lernen und zu arbeiten. Und dann geht alles rasch und erfolgreich.

So durfte ich oft staunen und mich wundern, wenn sogenannt «faule und unfähige» Schüler oder Schülerinnen die besten Tests geschrieben haben oder als erste eine gewünschte Lehrstelle gefunden haben.


Die Kultur macht es aus

In den 60er-Jahren hat C.R. Rogers geschrieben: «Denen, die das Lernen fördern wollen, geht es ausschliesslich um das Klima. Ein Klima, in dem sich der Schüler frei fühlt, neugierig zu sein, Fehler zu machen, von der Umwelt und aus eigener Erfahrung zu lernen.»

Lehrpersonen, die noch heute überzeugt sind, dass sie den Kindern und Jugendlichen etwas beibringen können, blenden alle neurologischen Forschungsergebnisse aus. Sie wehren sich gegen die Prinzipien und die Grundsätze von Weisen (oder besser: Denkern), die schon vor hunderten Jahren zur Erkenntnis gelangt sind, dass das nachhaltige Lernen letztlich durch eigene Erfahrungen und eigene Aktivitäten möglich ist.

Beispiele dafür:
«Die Autorität des Lehrers schadet oft denen, die lernen wollen.» (Cicero)
«Man kann einen Menschen nichts lehren, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu tun.» (Galileo Galilei)
«Lernen ist Erfahrung. Alles andere ist einfach nur Information.» (Einstein)
«Sage es mir und ich vergesse es; zeige es mir und ich erinnere mich; lass es mich tun und ich behalte es.» (Konfuzius)

Gelingt mir als Lehrperson zusammen mit den Schüler*innen eine angstfreie, wohlwollende Atmosphäre zu schaffen, in der weder Druck noch Prüfungen Angst auslösen, machen sich die meisten Schüler*innen auf den Weg des Lernens.


Die Kinder bleiben die Kinder der Eltern. Gegen die Eltern wird es mühsam.

Sicher streitet niemand ab, dass die Kinder zu ihren Eltern gehören. Die Eltern bestimmen am Schluss immer. Die Eltern sind haftbar. Die Eltern sind verantwortlich.

Wir Lehrpersonen dürfen mit den Kindern arbeiten. Vielleicht versuchen wir, mit den Kindern das Lernen zu lernen, damit sie ein Leben lang lernen wollen. Im Idealfall leisten wir einen Beitrag für eine Entwicklung zu freien, selbstdenkenden und in der Gesellschaft sich sozial verhaltenden Menschen. Auch haben wir als Lehrpersonen einen Auftrag vom Volk. Der Lehrplan ist gegeben, viele Lehrmittel sind obligatorisch und der Erziehungsauftrag steht im Gesetz.

Am Anfang meiner neuen Klassen ist die Elternarbeit wichtig. Erst wenn wir uns persönlich kennen, wenn die Eltern wissen, was ich bearbeite, wie ich denke, mit welchen Methoden ich den Erziehungsauftrag umsetze, kann ich mit dem Kind, den Jugendlichen ruhig und konzentriert in der Schule arbeiten.

Beziehungsarbeit mit den Eltern lohnt sich immer.

Die Eltern wollen alle das Beste für ihr Kind – daher kooperieren sie, solange ich transparent bin und die Werte von ihnen einbeziehe. Manchmal bin ich auch Erziehungsberater.


Lernen, nicht lehren

Zusammen mit pcaInstitut – www.pcaInstitut.ch


Ohne Beziehung geht gar nichts

Brüllende, sich raufende und störende Jugendliche im Schulzimmer sind auf der Suche nach Beziehung. Nörgelndes Fragen, kritisieren, provozieren mit Schimpfwörtern sind Angebote, um in Beziehung zu kommen.
Schmierereien, Kiffen im Schulzimmer, Prüfungen vom Pult klauen, meine Vorbereitungen verstecken, sind verzweifelte Hilferufe nach Kontakt.

Ich kann mit Strafen, mit Drohungen reagieren und zeigen, wer hier der Chef ist.

Eine andere Möglichkeit: sich auf die Beziehungsangebote ruhig, innerlich sicher einlassen. Zuerst suche ich den Kontakt und zeige mich überrascht, dass noch so viel Aktivität vorhanden ist. Dann versuche ich durch aufmerksames Zuhören herauszufinden, was die Jugendlichen bewegt, irritiert, stört oder sogar kränkt – was sie mit ihrem Verhalten mitteilen wollen.

Schaffen wir einen Kontakt, der eine Begegnung ohne Vorwürfe und Anzeigen, ohne Verurteilungen und Machtdemonstrationen möglich macht, finden wir zusammen Lösungen und Wiedergutmachungen.


Hausaufgaben stören das nachhaltige Lernen – bitte ersetzen

Illustrierte, Elternratgeber, Erziehungsberater, Nachhilfelehrpersonen und Hausaufgabenhilfe – alle wollen die Kinder und Jugendlichen verführen, zu Hause zu lernen, sich zu verbessern, Prüfungen zu bestehen und die Freizeit sinnvoll zu gestalten.
Ob die Jugendlichen das auch wollen?

Eine lukrative Industrie verdient sich ihr Geld. Lernen die Schüler*innen dadurch mehr, werden sie selbständiger, übernehmen sie Verantwortung für ihr Lernen?

Meine Erfahrung:
Wenn ich die Hausaufgabe abschaffe und durch für die Schüler*innen sinnvolle Aufgaben ersetze, arbeiten sie zu Hause ohne Druck und ohne Kontrollen. Vereinbaren wir zum Beispiel eine Prüfung, in der Aufgaben und Fragen vorkommen, die wir besprochen haben und die auch für die Schüler*innen in Ordnung sind, dann üben sie zu Hause.

Sie spüren, dass sie hier eine gute Note machen können. Oder wir vereinbaren zusammen einen Abgabetermin für eine Arbeit und machen diesen sichtbar. Dann erledigen die Schüler*innen ihre Arbeit in ihrer Freizeit. Sie arbeiten wann sie wollen und es ihnen passt.

Solche Formen erleben sie nicht als Hausaufgaben, in denen letztlich Befehle, Forderungen und Bedingungen versteckt sind. Wollen wir Lehrpersonen so behandelt werden? Ich nicht.


Am Anfang ist das Zuhören, Wahrnehmen, sich Einfühlen

Am Anfang ist das Zuhören, Wahrnehmen, sich Einfühlen

Die kleinen Babys zeigen es uns vor – sie sind meine Vorbilder. Sie nehmen mit grossen Augen auf und hören intensiv zu. Sie spüren schnell, wie es uns Erwachsenen geht. Sie beobachten lange und nehmen alles wahr, was in ihrer Umgebung geschieht.

Bis sie nach zwei drei Monaten Laute, Bewegungen und Gesten nachahmen. Sie lernen intensiv und schnell.

Das kleine Gehirn schafft täglich neue Verbindungen und bildet Netze, die bereits Erinnerungen möglich machen. So erkennt das Baby die Stimme, den Geruch, das Aussehen und die Verhaltensweisen der Mutter, des Vaters oder anderer Bezugspersonen.

Dieser Vorgang: wahrnehmen, einwirken lassen, zuhören, beobachten und einordnen kommt zuerst.

Dann kommt als nächster Schritt nachahmen, ausprobieren und wiederholen, sich mitteilen und Anteilnehmen.

Könnten wir in der Schule dieses aufmerksame Zuhören, das intensive Beobachten, Wahrnehmen und Einfühlen als Grundbaustein des Lernens nehmen?

Der Versuch, es immer wieder neu zu probieren und zu üben, lohnt sich.


Das Lernen lernen lohnt sich immer

Zu lernen wie man lernt ist immer von Bedeutung...

Eindrücklich, wenn C.R. Rogers bereits vor 70 Jahren mit seinen Beobachtungen und Forschungen zeigen konnte, dass das Lernen eine zentrale Voraussetzung für die Entwicklung der Persönlichkeit ist.

Ob selbständig denkende, kritisch miterlebende und auf die eigenen Erfahrungen stützenden Menschen eine Gefahr für unsere Gesellschaft mit ihren tradierten Systemen und Strukturen sind?

Mir ist klar geworden als Lehrperson: ausgerechnet die eigenwilligen, kritischen und selbständig denkenden Schüler fordern uns heraus. Sie hinterfragen und wollen wissen, sie denken nach und kritisieren und sie stellen sich oft quer und bringen uns Lehrkräfte an unsere Grenzen.

Kein Wunder bekommen die angepassten, pflegeleichten und fleissig, zuverlässig alle Aufgaben und Anforderungen lösenden Schüler*innen die besten Noten.

Wir erziehen in unseren Schulen die Jugendlichen zu braven, anständigen und pflichtbewusst ausführenden Mitmenschen. Das ist praktisch und kostet mich am wenigsten Aufwand und Energie.

Wollen wir das? Sind diese Leute demokratietauglich?


Beziehung vor Erziehung und Erziehung vor Bildung

Eine vertrauensvolle Beziehung, in einem Umfeld, in dem sich alle wohlfühlen können und in dem alle Platz und Anerkennung finden ist die Voraussetzung für Erziehung.

Erziehung meint im schülerzentrierten Unterricht - gemeinsam Rahmenbedingungen, Abläufe, Regeln und Rituale erarbeiten, in denen jede und jeder nach seinen persönlichen Potentialen arbeiten kann.

In einem vertrauten Klima, in dem weder Druck noch Bewertung, in dem weder Drohungen noch Lob und Tadel anzutreffen sind, werden die Jugendlichen aktiv und neugierig. Sie wollen lernen und sind auch bereit, die Vorgaben von Lehrplänen, von Stoffen und von Abläufen in Lehrmitteln einzuhalten.

Ein nachhaltiges Lernen, das selbständig gesteuert wird, das oft von gegenseitigem Helfen und gemeinschaftlichen Aktivitäten geprägt ist, wird möglich.


Die Hauptaufgabe des Lehrers

«Wer das Lernen von aussen zu lenken versucht, unterdrückt damit genau das, was das Lernen erst lebendig macht: die Freude am Lernen – oft sogar ein Leben lang.» (G. Hüther)

M. Rosenberg meint: «Es ist das natürlichste auf der Welt, zu lernen und uns weiter zu entwickeln, bis zu dem Moment, wo jemand kommt und uns dazu zwingt.»

Selbst vor mehr als 2000 Jahren sagte Cicero: «Die Autorität des Lehrers schadet oft denen, die lernen wollen.»
 
Eigentlich wissen wir Lehrpersonen aus vielen Untersuchungen und Beobachtungen, dass wir Menschen nachhaltig lernen, wenn wir frei sind, uns wohl und angenommen fühlen – wenn wir anregende Bedingungen vorfinden.

Und trotz allen Erkenntnissen halten wir an unserem alten Lehrerbild, das bereits in den Klöstern, in den Moscheen usw. gelebt wurde, fest. Der wesentliche Unterschied zu den alten Lehrerbildern besteht darin, dass heute die meisten selbst lesen, schreiben und die Informationen suchen können.
Zitat 5/2019
In dem Masse wie jeder von uns gewillt ist, er selbst zu sein, entdeckt er, dass er sich verändert. -
Er findet auch, dass sich andere verändern, zu denen er eine Beziehung hat. 
(C.R. Rogers)


 
Für mich als Lehrperson ist das Wahrnehmen und das Erkennen der eigenen Verhaltensweisen, meinen Haltungen und Einstellungen gegenüber den Schülerinnen und Schülern (auch gegenüber den Mitmenschen) die mächtigste Herausforderung.  
Zuerst frage ich mich: wie erlebe ich das, wie geht es mir dabei, was löst das bei mir aus? Und in einem zweiten Schritt kann ich dann im Austausch mit wertvollen Freunden oder in der Supervision / Therapie meine eigenen Verhaltensweisen reflektieren.  
Nur zu schnell rutschen mir Gedanken mit Abwertungen, mit Zuschreibungen und „ich weiss doch“ durch den Kopf. Obwohl ich langsam all die Bewertungsmuster kenne, die sich durch meine Lebenserfahrungen als Kind und Jugendlicher in meiner Umgebung tief eingegraben haben. Ich nutze die Festtage und den Jahreswechsel, um mich um mein eigenes Selbst zu kümmern, in der Hoffnung, im nächsten Jahr meinen Mitmenschen noch offener
Zitat 4/2019
"Wenn ich mich so wie ich bin akzeptiere, dann ändere ich mich. Ich kann meiner Erfahrung trauen."
C. Rogers

Als Lehrperson versuche ich Vorbild zu sein. Alle Forschungen, auch die Neurologie, zeigen in die gleiche Richtung. Die Lehrpersonen sind mit oder trotz allen elektronischen Medien und Mitteln die wichtigsten „Unterstützer“ der Lernfortschritte. Somit lohnt sich eine intensive Auseinandersetzung mit sich als Person und Mensch. Wenn ich mich sicher fühle, kann ich mir vertrauen und damit auch Vorbild sein.
Zitat 3/2019
„Eines der erstaunlichsten Ergebnisse der Untersuchungen war, dass das Einfühlungsvermögen des Lehrers sich als bester Wahrsager für die Leistungen in der Schule erwies.“  C. Rogers

„Zusammen mit Bindung und Ermutigung bietet der Vorbildcharakter einer Person die Wichtigste Voraussetzung für eine Persönlichkeitsentwicklung und einer Verhaltensänderung.  Vorbilder setzen die Hemmschwelle gegenüber Veränderungen stark herab. „Was er kann, kann ich auch.“  (G. Roth, A. Ryba: Coaching, Beratung und Gehirn. Klett-Cotta 2016) Und für mich noch erstaunlicher: alle neuen Erkenntnisse und Forschungen belegen die Beobachtungen und Untersuchungen, die C. Rogers vor 50 Jahren bereits gemacht und beschrieben hat.

So ist die Entdeckung der Spiegelneuronen, wie sie J. Bauer beschreibt eine wichtige Erklärung für  das Nachahmen, das Einfühlen und für das Vorbild sein im Unterricht.
Und die vielen Studien, welche Hattie über den Unterricht zusammengetragen hat, stellt auch die Lehrperson mit seiner Begeisterungsfähigkeit an erste Stelle, wenn über erfolgreiches Unterrichten gesprochen wird. Die Schüler*innen abholen und in ihrer momentanen Situation verstehen sind Voraussetzungen für gelingenden Unterricht.
Zitat 2/2019
Es scheint mir, dass alles, was man einen anderen lehren kann, relativ folgenlos bleibt und geringen oder gar keinen Einfluss auf das Verhalten hat. C. R. Rogers

Mit diesem provokativen Satz zeigt C.Rogers auf, dass jegliches Lernen vom Lernenden ausgeht. Da erinnere ich mich an Jugendliche, die auch nach 6 Jahren professioneller Unterstützung durch bestimmte Therapeutinnen nur minimale Fortschritte gemacht haben. Natürlich können aus der Sicht der Lernenden sinnlose Begriffe oder Rechtschreibformen mit unzähligen Wiederholungen eingetrichtert werden. Eine nachhaltige und dadurch frei einsetzbare Fertigkeit ist jedoch nicht entstanden. Höchstens ein stereotypes Wiederholen kann ich erwarten. Die neurologischen Erkenntnisse unterstützen und belegen, dass nur ein selbst gewolltes und aktives Lernen, das als sinnvoll und lohnenswert erlebt wird, nachhaltig behalten wird. Und die Auswirkungen auf das Verhalten oder gar auf Haltungen und Einstellungen können nur stattfinden, wenn die Lerngegenstände mit positiven, angenehmen Gefühlen und Empfindungen über verschiedene Sinneskanäle in mehreren Kombinationen verbunden werden. Diese Erkenntnis verlangt ein Berufsbild, in dem der Lehrer als Begleiter, Anreger, Moderator und oft auch Zulieferer von Aufgaben, Ideen und Möglichkeiten gesehen wird.
Zitat 1/2019
Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass das einzige das Verhalten signifikant beeinflussende Lernen, das Lernen durch Selbst-Entdecken und Selbst-Aneignen ist. Carl Rogers 

Aktueller denn je kommt mir dieser Satz entgegen. Selbstgesteuertes Lernen, kooperatives Lernen, eigenverantwortliches Lernen sind Schlagworte, die in der heutigen Schullandschaft als zukunftsweisend gehandelt werden. Und dazu gehören Lernlandschaften, Lernräume oder Schulzimmer für Lernateliers. Tönt spannend. Und wie sehen diese „reformartigen“ Lernlandschaften im Alltag aus? Wird dort mehr, nachhaltiger und erfolgreicher gelernt? Wenn die Beziehung zwischen den Schüler/innen und den Lehrpersonen, die Begleiter oder Lerncoaches genannt werden,  vertrauenswürdig, angstfrei und gleichwertig erlebt werden, dann werden all diese Vorhaben zu eindrücklichen Lernorten. In diesen Lern-Räumen kann man ein Klima erleben und erfahren, das ohne Druck, ohne Noten, ohne Bewertungen und ohne Strafen oder Sanktionen auskommt. Das klingt für viele rosarot und naiv.
In Schulen oder bei Lehrpersonen, die dieses Klima anstreben und immer daran arbeiten, lernen die Schüler ruhig und konzentriert. Die meisten Schülerinnen und Schüler kommen gerne in die Schule. Es lohnt sich – so ist meine Erfahrung.